Simon-Dubnow-Institut
für jüdische Geschichte und Kultur an der universität Leipzig

Säkularisierung und Geschichtsdenken

Eine jüdische Perspektive in der Krise des Historismus

 

Im Zentrum des Dissertationsvorhabens stehen Transformationsprozesse modernen jüdischen Geschichtsdenkens und ihre Kulmination in der Krisenzeit des Ersten Weltkriegs. Die Auswirkungen des als Katastrophe erlebten Ereignisses auf jüdische Geschichtsdeutungen werden anhand von Franz Rosenzweigs (1886–1929) intellektueller Biografie untersucht. Ausgehend von dessen Hauptwerk »Der Stern der Erlösung« (1921) wird der Umbruch in der Vorstellung von Geschichte analysiert. Die Schrift steht dabei für eine doppelte Abwendung: sowohl von der philosophiegeschichtlich im 19. Jahrhundert hegemonialen Vorstellung eines Fortschritts der Menschheit, als auch von einer geschichtsphilosophischen Interpretation des Judentums. Damit reagiert Rosenzweig auf die Auswirkungen der fortschreitenden Säkularisierung des »historischen Jahrhunderts«. Die Verwandlung wird durch eine Kontrastierung mit den Reflexionen Hermann Cohens (1842–1918) und Walter Benjamins (1892–1940) herausgearbeitet. Rosenzweigs Lehrer Cohen versuchte in »Die Religion der Vernunft« (postum 1919), die Offenbarung im Judentum mit dem modernen Geschichtsbegriff zu versöhnen. So markierte die Studie auch einen letzten Ausdruck eines geschichtsphilosophischen Fortschrittsdenkens im Kontext der Wissenschaft des Judentums. Benjamins Geschichtsdenken, das er an prominentester Stelle in den Thesen »Über den Begriff der Geschichte« (1940) ausführt, wird als Weiterentwicklung des Versuchs Rosenzweigs gedeutet, die Offenbarung gegen die hegemoniale Geschichte aufzustellen, aber nun in einem säkularen, selbst wieder geschichtlichen Kontext.