Zeitkapsel und digitaler Raum
Zeitkapsel und digitaler Raum: das Archiv der Fotografin Rita Ostrovska

Den Ausgangspunkt des Projekts bildet der mehrsprachige Teil-Vorlass zu Leben und Werk der 1953 in Kiew geborenen, 2001 nach Kassel emigrierten jüdischen Fotografin und bildenden Künstlerin Rita Ostrovska. Ihr Archiv lenkt den Blick auf Entwicklungen, Umbrüche und Zäsuren seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, konkret: auf den Zusammenbruch des Ostblocks, auf Flucht- und Migrationsbewegungen in Europa und damit korrelierende Sprachwechsel und Mehrfachzugehörigkeiten, Integration und Ausgrenzung sowie auf die Omnipräsenz des Antisemitismus.
In der Sowjetunion der späten 1980er Jahre im kreativen Fotokünstler-Verein Pogljad (Blick) aktiv, erlebte Rita Ostrovska den Zusammenbruch des Ostblocks und die Unabhängigkeit der Ukraine ganz unmittelbar. Parallel machte sie sich als werdende Mutter auf die Suche nach ihrer familiären Herkunft, umgetrieben von der Frage, was die in ihrem sowjetischen Pass eingetragene Nationalität »jüdisch« für sie persönlich bedeute. Ab 1989 bereiste sie mehrere Kleinstädte im Südwesten der Ukraine und fotografierte dort eine im Verschwinden begriffene Welt: Fragmente jüdischen Lebens mehr als vier Jahrzehnte nach dem Holocaust und unmittelbar vor der großen Ausreisewelle aus der ehemaligen Sowjetunion. Denn die politischen Umbrüche von 1989/91 boten Jüdinnen und Juden die Möglichkeit, nach Israel, in die USA oder über das »Kontingentflüchtlingsabkommen« in das wiedervereinigte Deutschland auszureisen – was 2001 schließlich auch Rita Ostrovska gemeinsam mit ihren Eltern, ihrem Mann und ihren Sohn tat.
Eine Auswahl des analog überlieferten Archivguts der Künstlerin, insbesondere Fotografien, persönliche Dokumente und Audiokassetten, wird zunächst teils analog, teils digital in die Sammlung des Deutschen Kunstarchivs (DKA) am Germanischen Nationalmuseum (GNM) aufgenommen. Durch die Archivierung, Erschließung und Verzeichnung von Dokumenten und Fotografien garantiert das GNM eine dauerhafte Unterbringung, Sicherung und Zugänglichkeit des Bestandes.
In ihrem Archiv bewahrt Rita Ostrovska auch zwölf Kassetten auf. Denn vor Ort in den Kleinstädten sprach sie in den 1990er Jahren mit den Menschen, deren Biografien und Familiengeschichten geprägt waren von der Doppelerfahrung aus deutscher Vernichtungspolitik und der verschwiegenen Erinnerung in der Sowjetunion. Teils erzählen sie von ihrem Überleben während des Zweiten Weltkriegs, teils von ihrem Alltag in der Sowjetunion. Sie sprechen über gegenwärtige Politik, Antisemitismus und die große Frage »Gehen oder Bleiben?«. Zudem ließ sich Rita Ostrovska traditionelle Lieder vorsingen, machte Aufnahmen am Küchentisch und während Gedenkveranstaltungen. Die Kassetten konnten bereits durch das Deutsche Kunstarchiv digitalisiert werden. Dank einer Förderung durch die S. Fischer-Stiftung können die Audiodateien nun transkribiert und inhaltlich systematisiert werden.
Zugleich machen analoge, digitale und audiovisuelle Formate den Archivbestand sichtbarer. Der Blogbeitrag »Fotografien der Künstlerin Rita Ostrovska« gibt einen ersten Einblick in den Archiv- und Foto-Bestand. Dieser Transferanteil des Projekts wird gefördert durch das Leibniz-Lab »Umbrüche und Transformationen«.
Ansprechpersonen
PD Dr. Susanna Brogi
Leiterin des Deutschen Kunstarchivs am Germanischen Nationalmuseum
Prof. Dr. Jörg Deventer
Stellvertreter der Direktorin am Dubnow-Institut
Dr. Julia Roos
Wissenschaftskommunikation am Dubnow-Institut
Dr. Heike Zech
Leiterin der Sammlungen Kunsthandwerk bis 1800 und Handwerksgeschichte
1. Stellvertreterin des Generaldirektors
Ein Projekt des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg – Leibniz-Forschungsmuseum für Kulturgeschichte in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow.

