Zur Autorität der Rechtstradition in zeitgenössischen jüdischen und muslimischen Diskursen am Beispiel der interreligiösen Eheschließung
Das Forschungsprojekt befasst sich mit der Frage, wie zeitgenössische jüdische und muslimische Denominationen die Autorität ihrer jeweiligen Rechtstraditionen neu verhandeln. Der Fokus liegt dabei auf dem Thema interreligiöser Eheschließungen, das in beiden Religionen vormals als unverhandelbar galt, heute jedoch unterschiedlich interpretiert wird. Ausgehend von der Beobachtung, dass beide Religionen in der Vormoderne verbindliche Rechtsnormen etablierten, die in der Moderne zunehmend hinterfragt wurden, untersucht das Projekt, wie die verschiedenen Denominationen – orthodox, konservativ/traditionell-konservativ und reformorientiert – mit diesen Herausforderungen umgehen.
Ein Vergleich zeigt, dass beide Traditionen, obwohl ihre historische Entwicklung unterschiedlich verlief, strukturell ähnlich reagieren: mit Ablehnung, Bewahrung oder Vermittlung zwischen Tradition und Moderne. So begannen beispielsweise die innerjüdischen Diskussionen zur Verbindlichkeit religiöser Normen bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Kontext der Emanzipation und Aufklärung in Deutschland. Diese frühe Konfrontation mit der Moderne führte zu einer Konfessionalisierung in orthodoxe, konservative und reformorientierte Strömungen. Muslimische Gelehrte wurden hingegen erst etwa ein Jahrhundert später, unter dem Druck kolonialer Invasionen, mit vergleichbaren Fragen konfrontiert, was zu einer zeitlich versetzten aber ähnlichen Auseinandersetzung führte.
Die Untersuchung differenziert zwischen deontologischer (verpflichtender) und epistemischer (empfehlender) Autorität religiöser Lehren und analysiert, wie die verschiedenen Richtungen mit diesen Kategorien umgehen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass es bei der Haltung zu interreligiösen Ehen nicht primär um Toleranz oder Intoleranz gegenüber Andersgläubigen geht, sondern um den Schutz der religiösen Identität, der den Fortbestand der eigenen Gemeinschaft sichern soll.
Das Projekt leistet durch die vergleichende Analyse einzelner Gelehrter aus dem 19. und 20. Jahrhundert einen Beitrag zur differenzierten Betrachtung gegenwärtiger Aushandlungsprozesse zwischen Tradition und Moderne in beiden Religionen.
Forschungsprojekt im Rahmen des »Ignaz-Goldziher-Programms für jüdisch-muslimische Studien«

