Gegenerzählungen: Dissidenz und Widerstand in Literatur und Geschichte
ZfL-DI-Workshop: Jüdische Geschichte und Literaturforschung
Protest, Widerstand, Opposition und Gegenwehr gehören zu den prägenden Formen gesellschaftlicher und politischer Artikulation der Moderne – im öffentlichen wie im privaten Raum, durch politisches Handeln ebenso wie durch Kunst, Literatur oder intellektuelle Intervention. Das 20. Jahrhundert mit seinen extremen Gewalterfahrungen und repressiven Diktaturen brachte in Reaktion eine außergewöhnliche Vielfalt dissidenter Haltungen und Praktiken hervor, die angesichts der Krise der europäischen Nachkriegsordnungen heute teils eine neue Aktualität gewinnen. Sie überschreiten nationale Grenzen, verbinden unterschiedliche politische und kulturelle Kontexte und werfen grundlegende Fragen nach individueller Verantwortung oder Handlungsräumen der Zivilgesellschaft, dem Umgang mit Minderheiten und letztlich der staatlichen Verfasstheit selbst auf.
Im Workshop beschäftigen wir uns mit ausgewählten Beispielen dissidenter Positionen und ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen. Im Mittelpunkt stehen dabei Akteurinnen, Texte, künstlerische Arbeiten und historische Konstellationen, die etablierte Narrative in Literatur und Geschichte herausfordern. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Leerstellen und blinden Flecken kollektiver Erinnerung, den Mechanismen von Kanonisierung und Ausschluss sowie der Frage, warum bestimmte Stimmen des Widerspruchs marginalisiert oder vergessen wurden.
»Gegenerzählungen« beschäftigen das ZfL und das DI schon lange. Im Workshop verbinden wir historische, literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, um Dissidenz als vielschichtiges Phänomen zwischen politischem Handeln, ethischer Haltung und kultureller Praxis zu verstehen, nicht zuletzt in seinen Implikationen für die gegenwärtig unter Druck stehenden demokratischen Gesellschaften.
Organisiert von Elisabeth Gallas (DI), Matthias Schwartz (ZfL)
Freitag, 3. Juli 2026
ZfL Berlin
Gemeinsamer Workshop des Leibniz-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow Leipzig (DI) und des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL)
Bisherige Workshops:
Theoriegeschichte und jüdische Geschichte (2017)
Zeitbeobachter. Beschreibungen der Gegenwart in der Moderne (2018)
Das kurze Leben der sowjetisch-jiddischen Literatur (2019)
Schulen, Gruppen, Stile. Denken, kollektiv betrachtet (2020)
Epochenschwellen und Epochenzäsuren (2021)
Unvollendetes, Zerbrochenes, Verlorenes: Über das Fragment (2023)
Freundschaftsbriefe im 20. Jahrhundert (2024)
Reparatur(en). Verfahren der Wiederherstellung zerstörter Wissens- und Erfahrungsbestände (2025)