Holocaust, Résistance, Kolonialverbrechen. Gedächtniskonflikte im Prozess gegen Klaus Barbie, Lyon 1987
Ausgangspunkt des Dissertationsvorhabens ist der erste französische Prozess, der wegen Verbrechen gegen die Menschheit geführt wurde. Er wurde im Mai 1987 vor dem Schwurgericht des Departments Rhône in Lyon eröffnet. Angeklagt war Klaus Barbie, von 1942 bis 1944 Gestapochef von Lyon und als solcher verantwortlich für die Folter, Ermordung und Deportation von Widerstandskämpfern und tausender Juden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang ihm die Flucht nach Bolivien, wo er sich unter anderem am Kampf gegen die Guerilla Ernesto »Che« Guevaras beteiligte. Erst 1983 konnte er nach Frankreich ausgeliefert werden. Im Juli 1987 wurde Barbie zu lebenslanger Haft verurteilt.
Das Projekt zielt darauf, Konflikte der Gedächtnisse von Holocaust, Résistance und Kolonialverbrechen auszuleuchten, der im französischen Umgang mit Barbie evident wurde. So war der »Schlächter von Lyon«, als der Barbie berüchtigt war, schon in den 1940er und 1950er Jahren in Abwesenheit wegen seines Vorgehens gegen die Résistance für Kriegsverbrechen verurteilt worden. Nach französischem Recht waren diese Verbrechen in den 1980er Jahren jedoch bereits verjährt. Auch deshalb hob die Anklageschrift der 1980er Jahre zunächst auf Barbies Verbrechen an Juden ab. Résistanceverbände klagten daraufhin jedoch erfolgreich darauf, dass auch Barbies Kampf gegen den antifaschistischen Widerstand als Verbrechen gegen die Menschheit gewertet wurde. Zusätzlich trat die Erinnerung an die französische Kolonialgeschichte in den Prozess ein: Barbies französischer Verteidiger Jacques Vergès, eine Ikone des antikolonialen Kampfes, sprach Frankreich aufgrund seiner ungesühnten Kolonialverbrechen das Recht ab, im Namen der Menschheit über einen Naziverbrecher zu urteilen.
Dieser Problemlage wird sich im Rahmen des Dissertationsvorhabens vor allem über die jüdischen Protagonisten des Barbie-Prozesses angenähert. Zu ihnen zählen unter anderem Serge Klarsfeld, der als Anwalt der Nebenklage tätig war, und der Zeuge Michel Cojot-Goldberg, dessen Vater unter Barbie deportiert worden war. Vermittelt über sie lässt sich eine neue Perspektive auf die konflikthaften Auseinandersetzungen dieser französischen Gedächtnisse gewinnen.
Kontakt:
Annika Padoan

