Blockseminar
Wintersemester 2025/2026

Rahel Varnhagen – Heinrich Heine – Franz Kafka:

Archivgeschichte und jüdische Neuaneignung nach 1945

Dozent und Dozentin: Dr. Nicolas Berg / Dr. Caroline Jessen

Donnerstag, 23. Oktober 2025, 15.15–16.45 Uhr; Freitag, 21. November 2025, 15.15–16.45 Uhr; Freitag, 12. Dezember 2025, 13.15–16.45 Uhr; Freitag, 23. Januar 2026, 9.15–17.30 Uhr; Freitag, 6. Februar 2026, 9.15–17.30 Uhr

Start: 23. Oktober 2025

Dubnow-Institut, Leipzig

Seminarsprache: Deutsch

Rahel Varnhagen (1771–1833), Heinrich Heine (1797–1856) und Franz Kafka (1881–1924) sind Symbolnamen eines modernen jüdischen, »aktivistischen« Kanons. Nachdrücklich zeigt sich dies in Hannah Arendts berühmten Essay »Die verborgene Tradition«, einem während des Holocaust 1944 zunächst in englischer Sprache und 1948 auf Deutsch veröffentlichten Text, in dem gerade die Schriften von Heine, Kafka und Varnhagen zu Kristallisationspunkten einer Theorie jüdischer Existenz in der Moderne werden. Neben Arendt haben viele weitere Leserinnen und Leser während und dann vor allem nach der nationalsozialistischen Zerstörung jüdischen Lebens in Europa ihre eigene Zeit in der Beschäftigung mit Leben und Werk dieser drei »Paria-Figuren« zu verstehen versucht. Zu nennen wären Max Brod, Margarete Susman, Gershom Scholem, Käte Hamburger, Ludwig Marcuse oder Hans Mayer. Die herausragende Stellung von Literatur innerhalb der modernen jüdischen Selbst- und Geschichtsreflexion zeichnet sich nicht allein in Büchern, Essays und Aufsätzen ab, sondern auch in Briefwechseln oder Tagebüchern – und nicht zuletzt in komplizierten Überlieferungsgeschichten. Gerade in den wiederkehrenden Bemühungen um Archive der Schriften von Heine, Kafka und Varnhagen – in Akten der Rettung, Bewahrung und Wiederentdeckung – manifestieren sich jüdische Reaktionen auf die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts und auf die fundamentale Infragestellung jüdischer Existenz. 

Das Seminar widmet sich Gesten der Bewahrung und der Aneignung von Überlieferung, die sich mit Formen existentieller Selbstverortung und Gegenwartsanalyse verbinden. Sie finden innerhalb der jüdischen Gemeinschaft und in Auseinandersetzung mit nichtjüdischen Diskursen statt, oftmals gerade im entschiedenen Widerspruch zu ihnen. Das Seminar folgt individuellen Dokumenten der Überlieferungssicherung, Lektüren, Aneignungen und Analysen in ihren ideellen und materiellen Kontinuitäten und vor allem Diskontinuitäten der ersten Jahre und Jahrzehnte nach 1945.

Literatur: Ausgangspunkt: Hannah Arendt, Sechs Essays. Die verborgene Tradition, hrsg. von Barbara Hahn, Göttingen 2019; dies., Rahel Varnhagen – Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin, hrsg. von Barbara Hahn, Göttingen 2021; Dietmar Goltschnigg/Hartmut Steinecke (Hgg.), Heine und die Nachwelt. Geschichte seiner Wirkung in den deutschsprachigen Ländern, Bd. 2: 1907-1956, Berlin 2008; Bd. 3: 1957-2006, Berlin 2011; zur Einführung eignen sich zudem: Steffen Höhne/Ludger Udolph (Hgg.), Franz Kafka: Wirkung und Wirkungsverhinderung, Köln, Weimar, Wien 2014; Bernd Witte, Jüdische Tradition und literarische Moderne: Heine, Buber, Kafka, Benjamin, München 2007; Manfred Engel/Dieter Lamping (Hgg.), Franz Kafka und die Weltliteratur, Göttingen 2006; Dieter Lamping, Von Kafka bis Celan. Jüdischer Diskurs in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, Göttingen 1998.

Für Seniorenstudium geöffnet: nein

Teilnehmer:innen: max. 30

Einschreibung: siehe zentraler Termin des Historischen Seminars

Prüfungsleistungen: Referate in den Seminaren; Modulprüfung: Klausur oder Hausarbeit