Pinkasimprojekt

Frankfurter Protokollbuch, fol. 141v–142r (1674/75; NLI, Heb 4°662). Mit freundlicher Genehmigung der National Library of Israel.

Quellen des europäischen Judentums:
Das Pinkasim-Projekt

 

Arbeitsformen und Zugänge der Digital Humanities sind in den letzten Jahren zunehmend in den Kultur- und Geschichtswissenschaften aufgegriffen worden und werden auch zukünftig an Bedeutung für die geisteswissenschaftliche Forschung gewinnen. Vor diesem Hintergrund beteiligt sich das Simon-Dubnow-Institut an einem Digitalisierungsvorhaben im Bereich der Jewish Studies. Seit 2015 erschließt das im Verbund mit der National Library of Israel und international renommierten Fachwissenschaftlern wie Israel Bartal (The Hebrew University of Jerusalem), Gershon D. Hundert (McGill University, Montreal) und Adam Teller (Brown University, Providence) durchgeführte Pinkasim-Projekt die im aschkenasischen Europa und Norditalien verbreiteten Pinkasim – Protokollbücher jüdischer Gemeinden – als zentrale historische Quelle der jüdischen Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit für die Forschung. Bisher weit verstreut über Archive und Sammlungen in Israel, Europa und den Vereinigten Staaten, werden die Gemeindepinkasim im Rahmen des Projekts bis April 2019 sukzessive digitalisiert und in einem Onlinearchiv auf der Webseite der National Library of Israel zugänglich gemacht.

 

Die handschriftlich überlieferten Protokollbücher, die in Hebräisch oder Jiddisch verfasst sind, und sowohl von großen Stadtgemeinden, als auch kleineren Landgemeinden mitunter über mehrere Generationen geführt wurden, bieten tiefgreifende Einblicke in die urbanen und ländlichen jüdischen Lebenswelten zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Sie liefern eine Fülle an Informationen zur Entwicklung von Rechtsetzung und Rechtspraxis sowie darüber hinaus zu nahezu allen Aspekten der Sozial-, Wirtschafts-, Alltags-, Kultur- und Sprachgeschichte. Als noch kaum systematisch erforschte Quellen sind somit die Protokollbücher dazu angetan, das Verständnis der jüdischen Geschichte und Kultur im vormodernen Europa in besonderem Maße zu befördern. Auf Grundlage der Pinkasim können einerseits regionale Merkmale der jüdischen Kultur über einen langen Zeitraum erforscht sowie vergangene Sprachen wiederentdeckt werden. Andererseits dokumentieren diese Quellen die Verwobenheit der aschkenasischen Gemeinden mit ihrer Umgebungskultur.

 

Neben erfahrenen Wissenschaftlerinnen ist vor allem der akademische Nachwuchs eng in die Projektarbeit eingebunden. Auch fördert das Projekt einen intensiven Austausch zwischen den Disziplinen. Regelmäßige internationale Workshops und Summer Schools, die vom Projekt organisiert werden, dienen der Ausbildung und Vernetzung jüngerer Wissenschaftlerinnen im Bereich der jüdischen Geschichte und Kultur der Frühen Neuzeit und ermöglichen eine nachhaltige Beschäftigung mit Pinkasim als einer besonderen Quellengattung.

 

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