Simon-Dubnow-Institut
für jüdische Geschichte und Kultur an der universität Leipzig

Konferenzen 2020

Jahreskonferenz des Dubnow-Instituts

Flaschenpost

Die Migration der Schriften

 

3. bis 4. Dezember 2020

Online-Veranstaltung

 

Als 1944 die Dialektik der Aufklärung fertiggestellt wurde, hatte sich im emigrierten Institut für Sozialforschung dafür längst die Metapher der Flaschenpost durchgesetzt. Denn das Buch, in dem Max Horkheimer und Theodor W. Adorno die historischen, politischen und sozialen Kräfte auf den Begriff zu bringen versuchten, die sie ins Exil gezwungen hatten, besaß kein Zielpublikum: Die Schrift war auf Deutsch in Amerika verfasst worden, reflektierte die amerikanische Erfahrung, ohne amerikanisch zu sein, und bediente sich der europäischen philosophischen Traditionen, ohne darin aufzugehen. Die Rezeption setzte zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort ein. Diese räumliche und zeitliche Verschiebung brachte die in das Buch eingeschriebenen Kontexte zum Verschwinden.


Auch bei anderen Exilschriften aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung, der politischen Linken und ihren Intellektuellenkulturen traten Erfahrungs-, Entstehungs- und Rezeptionszusammenhang deutlich auseinander. Sie standen teils quer zu Strömungen ihrer Zeit, hatten aufgrund ihrer Entstehung im Exil andere historische Erfahrungen in sich aufgenommen oder, wie die auf Jiddisch verfassten Schriften, ihre Leserschaft verloren. Zugleich verdrängten aktuellere Schriften die Flaschenpostsendungen aus der Zeit des Exils, oder es wurden Texte rezipiert, die vor langer Zeit entstanden waren. Mit ihrer Hilfe wurde über den Zivilisationsbruch hinweggegangen.


Anhand exemplarischer Exilschriften insbesondere aus dem deutschsprachigen Raum geht die Jahreskonferenz der Migration von Texten, Theorien und Ideen nach, mit denen auf den Nationalsozialismus, den Holocaust, ihre Vorgeschichte und ihre Auswirkungen reflektiert wurde. Es wird nach den in ihnen niedergelegten historischen Erfahrungen, dem Einfluss des Exils auf die Theoriebildung, Missverständnissen der Rezeption, Chiffrierungen und Kodierungen gefragt. Auseinanderdriftende Erfahrungs-, Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen der Texte werden enggeführt. Ergänzend werden Texte herangezogen, die für konkurrierende Ereignisse und Erinnerungen stehen. Auf diese Weise soll die historische Geltungskraft arbeiter- und gewerkschaftsbewegter Begriffe ebenso herausgearbeitet werden wie die Bedingungen von Erkenntnis über den Nationalsozialismus und den Holocaust.

 

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