Simon-Dubnow-Institut
für jüdische Geschichte und Kultur an der universität Leipzig

Konferenzen

Die mehrtägigen englischsprachigen Jahreskonferenzen widmen sich jeweils einem thematischen Schwerpunkt des Instituts. Sie sollen die Gegenstände der Forschung disziplinär verallgemeinern und internationalisieren.

 

Zu diesen Tagungen werden sowohl führende Vertreterinnen und Vertreter des Faches als auch Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler eingeladen. Aus diesen Tagungen ergeben sich vielfältige, die Vernetzung des Instituts befördernde Kontakte. Ausgewählte Beiträge der Jahreskonferenzen werden im Jahrbuch des Instituts veröffentlicht.

Jahreskonferenz des Dubnow-Instituts

Flaschenpost

Die Migration der Schriften

 

3. bis 4. Dezember 2020

Online-Veranstaltung

 

Als 1944 die Dialektik der Aufklärung fertiggestellt wurde, hatte sich im emigrierten Institut für Sozialforschung dafür längst die Metapher der Flaschenpost durchgesetzt. Das Buch, in dem Max Horkheimer und Theodor W. Adorno die historischen, politischen und sozialen Kräfte auf den Begriff zu bringen versuchten, die sie ins Exil gezwungen hatten, war für spätere Generationen geschrieben worden. Es besaß kein Zielpublikum: Die Schrift war auf Deutsch in Amerika verfasst worden, reflektierte die amerikanische Erfahrung, ohne amerikanisch zu sein, und bediente sich der europäischen philosophischen Traditionen, ohne darin aufzugehen. Die Rezeption setzte zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort ein. Die Dialektik der Aufklärung wurde zu einer der meistgelesenen Schriften der deutschen Protestbewegung der 1960er Jahre. Diese räumliche und zeitliche Verschiebung trug indes nicht unerheblich dazu bei, die in das Buch eingeschriebenen Kontexte zum Verschwinden zu bringen. Die nur schwer zu fassende Epistemik der Ereignisse in Europa und ein nicht unerhebliches Maß an Verdrängung dürften ein Übriges getan haben. Sie sorgten dafür, dass die Dialektik der Aufklärung weniger als Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und – zumindest teilweise – dem Holocaust wahrgenommen wurde, sondern fast ausschließlich als Schrift über die allgemeinen Verwerfungen der Moderne.

 

Anderen Exilschriften aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung, der politischen Linken und ihren Intellektuellenkulturen erging es ähnlich. Erfahrungs-, Entstehungs- und Rezeptionszusammenhang traten deutlich auseinander. So wurden Texte breit und zeitnah rezipiert, die durch die rasanten politischen und historischen Entwicklungen bereits dementiert worden waren. Prägnantere Analysen erhielten dagegen oft nur mit starker Verzögerung, in verzerrter Weise oder gar keine Aufmerksamkeit. Sie passten häufig weder mit den zukunftsoptimistischen Prägungen der Zwischenkriegszeit noch mit der Aufbaurhetorik der Jahre nach 1945 zusammen. Gelegentlich erschienen sie als zu sperrig, hatten aufgrund ihrer Entstehung im Exil auch andere historische Erfahrungen in sich aufgenommen oder besaßen, wie die auf Jiddisch verfassten Schriften, kaum noch Leser.

 

Darüber hinaus affizierten der Nationalsozialismus und der Holocaust auch die Wahrnehmung von Texten, die lange vor der Zeit entstanden waren. Die Rezeption dieser Schriften schien die Möglichkeit zu bieten, über den Zivilisationsbruch hinwegzugehen und kurzerhand an die Traditionen der Zwischenkriegszeit und des 19. Jahrhunderts anzuknüpfen. Aber auch aktuellere Texte schoben sich vor die Flaschenpostsendungen aus der Zeit des Exils. Die darin festgehaltenen Entwicklungen übernahmen teilweise die Funktion von Deckerinnerungen, bisweilen wurden mit ihrer Hilfe die Erkenntnismomente vieler Schriften aus dem Exil abgewehrt. Das gilt nicht zuletzt für Texte über die atomare Bedrohung oder die Kolonialgräuel, deren Rezeption zumindest in Deutschland auch dem Bedürfnis nach einer projektiven Entlastung von der eigenen Geschichte entsprungen sein dürfte.

 

Im Rahmen der Jahreskonferenz soll diesen Zusammenhängen nachgegangen werden. Anhand exemplarischer Exilschriften aus dem Kontext der Arbeiterbewegung und der politischen Linken soll der Migration von Texten, Theorien und Ideen nachgegangen werden, mit denen auf den Nationalsozialismus, den Holocaust, ihre Vorgeschichte und ihre Auswirkungen auf deren Kategorien und Vorstellungswelten reflektiert wurde. Zu diesem Zweck sollen die auseinanderdriftenden Erfahrungs-, Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen der Texte enggeführt werden. Es wird nach den in ihnen niedergelegten historischen Erfahrungen, dem Einfluss des Exils auf die Theoriebildung, Missverständnissen der Rezeption, Chiffrierungen und Kodierungen gefragt. Zur Ergänzung werden Texte herangezogen, die für konkurrierende Ereignisse und Erinnerungen stehen. Auf diese Weise soll die historische Geltungskraft arbeiter- und gewerkschaftsbewegter Begriffe ebenso herausgearbeitet werden wie die Bedingungen von Erkenntnis über den Nationalsozialismus und Holocaust. Da die zentrale Katastrophe des 20. Jahrhunderts von Deutschland ihren Ausgang nahm, liegt der Schwerpunkt der Auseinandersetzung auf Texten von Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum; das östliche und westliche Europa, insbesondere Frankreich, werden jedoch ebenfalls berücksichtigt.

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