Simon-Dubnow-Institut
für jüdische Geschichte und Kultur an der universität Leipzig

Forschungsprojekt »Humanistische Tradition und philologische Erkenntnis«

Jüdische Literaturwissenschaftler in der Bundesrepublik

 

Das historisch ausgerichtete Promotionsprojekt widmet sich jüdischen Literaturwissenschaftlern in Deutschland nach 1945. Es fragt danach, wie sie sich nach dem Holocaust mit einer deutschen Geistestradition auseinandersetzten, die vor 1933 maßgeblich für das Emanzipationsbestreben des deutsch-jüdischen Bürgertums war: der Weimarer Klassik und dem humanistischen Aufklärungsideal. Wo sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Emanzipationshoffnung an ein teleologisch-rationalistisches Verständnis der Moderne knüpfte, ging sie einher mit einem umfassenden Bekenntnis zur Aufklärung und zur klassischen Literatur der Aufklärungsepoche sowie mit einem zumeist distanzierten bis ablehnenden Verhältnis zur Romantik. Die normativ aufgeladene Dichotomie von vermeintlich aufgeklärt-humanistischer Klassik und mythisch-nationaler Romantik ermöglichte nach 1945 auch in der Literatur- und Ideengeschichte die Zweiteilung in einen romantischen Sonderweg, der in die »deutsche Katastrophe« geführt habe, und einer aufklärerischen Tradition, die ein »Anderes Deutschland« repräsentiere, und an die sich nahtlos anknüpfen lasse, wie dies etwa in den Jahren um 1949 im Goethe-Kult deutlich wird.

 

Mit Käte Hamburger (1896–1992), Hans Mayer (1907–2001) und Peter Szondi (1929–1970) rücken im Forschungsprojekt vorrangig eine Literaturwissenschaftlerin und zwei Literaturwissenschaftler in den Blick, die in unterschiedlicher Weise dieser Traditionspflege eine Absage erteilten. In ihrem Werk stellten sie die herkömmliche Dichotomie von Klassik und Romantik in Frage und leisteten damit – so die These – einen Beitrag zur Korrektur einer falsch verstandenen Aufarbeitung des Holocaust. Ihre literatur- und theoriegeschichtlichen Deutungen werden vor dem Hintergrund der jeweiligen biografischen Erfahrungen als Auseinandersetzung mit dem Holocaust sowie als Reflexion philologischer Methoden und Erkenntnisweisen untersucht.