1. Simon-Dubnow-Vorlesung

21. November 2000,

Saal der Alten Handelsbörse

 

Professor Peter Pulzer (Oxford)

 

Einheit und Differenz: Zum Verhältnis von deutscher und jüdischer Geschichte

 

Professor Peter Pulzer (Oxford), Chairman des Leo Baeck Institutes London und einer der international führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Geschichte der deutschen Juden, hielt im November 2000 vor großem Publikum die Erste Simon-Dubnow-Vorlesung. Die Vorlesung hatte den Titel »Einheit und Differenz: Zum Verhältnis von deutscher und jüdischer Geschichte«. Peter Pulzer ist Gladstone Professor Emeritus of Government an der University of Oxford und Emeritus Fellow of All Souls College, Oxford. Im Jahr 2000 und 2003 lehrte und forschte er als Gastwissenschaftler am Simon-Dubnow-Institut. Pulzer hat zahlreiche einflußreiche Publikationen zur deutsch-jüdischen Geschichte und zur Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland und Österreich vorgelegt. Zu nennen sind insbesondere die einflußreichen Buchpublikationen The Rise of Political anti-Semitism in Germany and Austria (New York 1964) und Jews and the German state : the political history of a minority, 1848–1933 (Detroit 2003). Eine aktualisierte deutschsprachige Ausgabe des Klassikers The Rise of Political anti-Semitism in Germany and Austria wird in Kürze in der Monographie-Reihe des Simon-Dubnow-Institutes erscheinen.


In der Simon-Dubnow-Vorlesung ging Peter Pulzer der Frage nach, ab wann und in welcher Form die Geschichte der Juden als ein integralen Bestandteil der deutschen Geschichte dargestellt wurde. Bis ins späte 19. Jahrhundert interessierte sich die Wissenschaft fast ausnahmslos nur für das alttestamentarische, nicht aber für das nachbiblische Judentum. Selbst nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden und ihrer de jure Integration in die deutsche Gesellschaft im Verlauf des 19. Jahrhunderts befaßten sich hauptsächlich außeruniversitäre jüdische Gelehrte mit diesem Thema. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kann von einer endgültigen Anerkennung des jüdischen Anteils an der deutschen Geschichte die Rede sein, deren akademische Etablierung wesentlich durch Forschungen außerhalb Deutschlands angeregt wurde.


Pulzer bot den zahlreichen Zuhörern einen konzisen Überblick über die wichtigsten Wegstationen der deutsch-jüdischen Geschichte. Er betonte, daß die deutsch-jüdische Geschichte, die in einer Katastrophe mündete, auch ein Denkmal ist, »ein Mahnmal einer verspielten Chance«. Die Integration der jüdischen in die deutsche Geschichte hat für Pulzer einen hohen moralischen und pädagogischen Wert. Er zitierte die Rede von Fritz Stern bei Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Stern bemerkte zum Thema des Erinnerns: »Man ehrt die Opfer eher mit dem Versuch, die Welt, der sie entrissen wurden und die meist mit ihnen zu Grunde ging, in historischer Forschung zu rekonstruieren und so im kollektiven Gedächtnis aufzuheben.«