Konferenzen 2007

Jahreskonferenz »Sammeln, Ordnen, Wissen. Jüdische und andere Wissenswelten.«

 

in Kooperation mit Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig

 

9. bis 10. Juli 2007

 

Die Jahrestagung 2007 des Simon-Dubnow-Instituts setzt sich mit historischen und zeitgenössischen Formen von Sammlungen und Wissensordnungen auseinander und möchte damit ein Forum anbieten, jüdische Geschichte und Kultur im Prisma eines kulturhistorischen Grundlagenthemas zu diskutieren. Ziel ist es, in einer komparativen Perspektive Zugänge auf verschiedene Formen und Funktionen von Sammlungen und auf Fragen ihrer Präsentation und Repräsentation zu finden und damit die Fragestellung zu verbinden, wie Wissensbestände in jüdischen und allgemeinen Diskursen gesichert und kommuniziert wurden und werden.

 

Ein solcher Ansatz soll die Möglichkeit bieten, die vielfältigen historischen, kulturellen und sozialen Bedeutungen jüdischer und allgemeiner Sammlungen seit der Neuzeit bis in die Moderne zum Gegenstand des Austausches zu machen. Von Interesse sind hier sowohl Sammlungen im engeren thematischen Sinne als auch Archive und Bibliotheken als Orte des Bewahrens und Museen und Verlage als Orte des Exponierens und der Verbreitung. Es geht um die theoretischen Implikationen wie die praktischen Ausbildungen von Verfahren der Aufbereitung, der Klassifizierung, der Systematisierung und der Präsentation. Damit wird auch der Vorgang der Transformation und Kanonisierung von Wissen in gefestigte, tradierbare Bestände in den Blick genommen. Da diese Prozesse maßgeblich durch die Entwicklung von Medien der Tradierung (z. B. dem Buchdruck, der Verbreitung von Zeitungen und Zeitschriften in der „massenmedialen Sattelzeit“ zwischen 1870 und 1930 sowie aktuell den Möglichkeiten der Digitalisierung) gekennzeichnet waren und sind, interessieren hier auch Fragen der Bildung von wissenschaftlichen, künstlerischen und politischen Netzwerken und die sich damit ergebenden Möglichkeiten des Transfers kommunizierbaren Wissens in jüdischen und anderen Gemeinschaften.

 

In den erkenntnistheoretisch ausgerichteten Beiträgen der Tagung sollen Fragen der Theoriebildung gestellt werden, die sich mit Sinn- und Bedeutungsstrukturen von Archiven, Sammlungen und aufbereiteten Wissensbeständen allgemein beschäftigen. Was waren und sind die Inhalte von Sammlungen? Unter welchen Vorgaben wurde Archive angelegt? Warum haben solche Sammlungen eine so große Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis? Hier können übergreifende Ansätze und Problemstellungen präsentiert werden, wie z. B. das Verhältnis von Wissen zu Text, Wissen und Bild und der Prozess der Institutionalisierung und Kanonisierung von Wissensbeständen. Es geht hier aber auch um das grundlegende Verständnis von »Ordnung«, um das Verhältnis von Entropie bzw. Chaos und System, das einer jeden Sammlung zu Grund liegt.

 

In weiteren, eher kulturhistorisch ausgerichteten Beiträgen wird die Entwicklung jüdischer und allgemeiner Enzyklopädien und Sammelwerke diskutiert. Dabei sollen nicht nur die Texte oder die Textform an sich, sondern auch die sozialen und kulturellen Kontexte der Entwicklungen dieser Wissensaggregate integriert betrachtet werden. Besonderes Anliegen der Tagung wird es sein, neben den am Paradigma der Nation ausgerichteten großen enzyklopädischen Projekten auch die kleineren, regional oder transnational bestimmten Vorhaben in den Blick zu nehmen. Hier liegt zudem die Möglichkeit nahe, historisch übergreifende Gemeinsamkeiten und Unterschiede enzyklopädischer Wissensrepräsentation zu systematisieren und zu vergleichen. Der zeitliche Schwerpunkt soll auf den Enzyklopädien seit der Neuzeit bis zur Moderne liegen, jedoch werden auch Beiträge zur Geschichte der Enzyklopädien seit dem Altertum diskutiert, insofern sie verschiedene Zeiten überschreitende Formen und Strukturen des Wissens fokussieren.

 

Grundlegend für die Jahrestagung ist der Ansatz, sich nicht nur der Vielfalt jüdischer Sammlungen in Geschichte und Gegenwart zu versichern, sondern darüber hinaus auch die Frage zum Thema zu machen, wer aus welchen Gründen Wissen in Sammlungen systematisiert. Es geht insgesamt sowohl um Kunstsammlungen und um »Schatzkammern« des Wissens als auch um die kulturelle Praxis des Sammelns und ähnliche Formen der Bewahrung von Wissen in Institutionen und Texten. Von Interesse sind hier auch Aspekte wie die Transformation ursprünglich sakral orientierter, traditioneller Sammlungen in neue Formen, die den Erfordernissen der Moderne angepasst waren (Museum u. a.) und auf den ersten Blick profan anmuten; die Annäherung der jüdischen Sammlungstätigkeit und die Beteiligung jüdischer Sammler an allgemeinen Kollektionen vor allem während der bürgerlichen Epoche; die Ausprägungen des jüdischen Mäzenatentums und Stiftungswesens und deren Verbindungen zu Institutionen der Wohlfahrt. Hierzu zählen auch die unterschiedlichen Aspekte der Präsentation und Inszenierung dieser Sammlungen im öffentlichen Raum.

 

Programm