Sommersemester 2009

Überschreitungen: Jüdische Völkerrechtler zwischen Recht und Politik

 

Dozenten: Dan Diner/Alexandra Kemmerer 

 

Migration verändert Position. Umso mehr die Flucht vor den frühen nationalsozialistischen Maßnahmen der Entrechtung – weit vor dem später eintretenden Ereignis der Vernichtung. Die mit der Emigration einhergehenden Verwandlungen galten auch und gerade für jüdische Staats- und Völkerrechtler. Die Ereignisse der Zwischenkriegszeit, vor allem die Etablierung des NS-Regimes, haben ihr späteres Rechtsdenken erheblich geprägt. So traten in neuer Umgebung – vornehmlich im angelsächsischen Kontext mit seinen spezifischen Traditionen – erhebliche Verwandlungen ein; aber auch kontinentaleuropäische Beständigkeiten ließen sich ausmachen. Und nach dem Kriege kam es zu einem intellektuellen Rücktransfer dieser Ideenwelt nach Europa. Das alte, hinter sich gelassene Recht wurde durchaus mit neuen Augen gesehen. Hans Morgenthau und John Herz wandten sich der neuen Disziplin der Politikwissenschaft zu, während ihr Lehrer Hans Kelsen seine »Reine Rechtslehre« in den Dienst einer neuen Weltrechtsordnung stellte. Karl Loewenstein versuchte, als Politikwissenschaftler eine verfassungsrechtliche Perspektive zu bewahren; Georg Schwarzenberger kultivierte als Jurist den skeptischen Blick des Politologen, Hannah Arendt reflektierte das Recht in der Politischen Theorie. Hersch Lauterpacht und René Cassin wurden zu Vordenkern eines neuen überstaatlichen Systems des Menschenrechtsschutzes. In Biographie und Werk sind hier Realismus und Idealismus mitunter ebenso eng verwoben wie Recht und Politik.

 

Das Forschungskolloquium stellt neuere biographische, werk- und ideengeschichtliche Annäherungen an jüdische Völkerrechtler und Staatstheoretiker des 20. Jahrhunderts vor. Dabei sollen deren kollektive Prägung und individuelle Erfahrung ebenso in den Blick genommen werden wie methodische Fragen des historiographischen Zugangs.

 

Vorträge:

 

Donnerstag, 30. April 2009

Jochen von Bernstorff (Heidelberg)

Hans Kelsen:

Grenzgänger der völkerrechtlichen Moderne

 

Donnerstag, 14. Mai 2009

Jana Puglierin (Bonn)

John H. Herz:

Ein Reisender zwischen allen Welten

 

Donnerstag, 28. Mai 2009

Markus Lang (Jena)

Karl Loewenstein:

Zwischen Staatsrecht und Politikwissenschaft

 

Donnerstag, 4. Juni 2009

Reut Paz (Rishon le Zion)

Making it Whole:

Hersch Lauterpacht and the rabbinical approach to international law

 

Donnerstag, 11. Juni 2009

Thomas Mertens (Leiden)

Pleading international law?

Hannah Arendt on the Eichmann trial

 

Donnerstag, 2. Juli 2009

Sophie Enos-Attali (Paris)

Witnessing the Law:

René Cassin, l'Alliance Israélite Universelle and the Universal Declaration of Human Rights