Leipziger Beiträge Band 5 (2007)

Shared History – Divided

Memory. Jews and Others in

Soviet-Occupied Poland,

1939–1941

 

Herausgegeben von

Elazar Barkan, Elizabeth A. Cole und

Kai Struve.

Mit einem Vorwort von Dan Diner

 

Leipzig: Universitätsverlag 2007,

390 Seiten

ISBN 978-3-86583-240-5

Preis: 54,00 € (D)

 

 

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Der aktuelle Band der »Leipziger Beiträge« versammelt Studien zur kurzen Zeitspanne von Herbst 1939 bis zum Sommer 1941, die in den letzten Jahren in den Mittelpunkt der Erinnerungskonflikte um das polnisch-jüdische Verhältnis während des Zweiten Weltkriegs gerückt ist. Dies war die Folge der kontroversen Diskussion über die im Jahr 2000 zuerst auf Polnisch erschienene Studie Nachbarn von Jan Tomasz Gross über einen Pogrom christlicher Einwohner gegen die jüdische Bevölkerung in der nordostpolnischen Kleinstadt Jedwabne am 10. Juli 1941, wenige Tage nach dem Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges und der deutschen Okkupation dieser Region. In der mit großer öffentlicher Anteilnahme geführten Debatte ging es nicht nur um die Frage des Verhältnisses von deutschen und einheimischen Tätern bei dem Pogrom, sondern auch um die Frage, welche Bedeutung den vorhergehenden 21 Monaten sowjetischer Besatzung dieses Gebiets für die Gewalttaten gegen Juden zukam. Insbesondere ging es um die Frage, ob die Ursachen des Hasses auf die jüdische Bevölkerung, der sich in den ersten Tagen und Wochen der deutschen Okkupation nicht nur in dem Pogrom in Jedwabne, sondern in Gewalttaten an zahlreichen weiteren Orten entlud, in einer vermeintlich breiten Kollaboration der jüdischen Bevölkerung mit den Sowjets zu suchen seien oder ob es sich bei einer solchen Deutung um ein antisemitisches Stereotyp handelte.

 

Der fünfte Band der »Leipziger Beiträge« behandelt dabei nicht nur die nordostpolnischen Gebiete, um die es in den Kontroversen der jüngsten Zeit in erster Linie ging, sondern der Band bezieht auch die vorwiegend ukrainischen und weißrussischen Gebiete Ostpolens mit ein, die ebenfalls 1939 von der Sowjetunion okkupiert worden waren. Er berücksichtigt zudem Litauen, das nicht nur historisch eng mit den Territorien des östlichen Polens verbunden ist, sondern in den Jahren 1940/41 deren Schicksal teilte.  Die Aufsätze gliedern sich thematisch in drei Teile. Der erste behandelt die polnische und die ukrainische Historiographie der Zeit 1939–1941 und analysiert das spannungsreiche Verhältnis geschichtswissenschaftlicher Forschung zu den kollektiven Gedächtnissen. Die beiden weiteren Teile des Bandes behandeln die Jahre 1939–1941 selbst. Der zweite und umfangreichste Abschnitt enthält Fallstudien zum Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in der Zeit der sowjetischen Okkupation. Die Aufsätze rücken hier insbesondere die Frage nach dem Verhältnis von Wahrnehmung und Realität im Hinblick auf die These einer vermeintlich weit verbreiteten jüdischen Kollaboration mit den sowjetischen Besatzern in den Vordergrund. Die Beiträge des dritten Abschnitts analysieren die Pogrome in den ersten Wochen nach dem deutschen Einmarsch. Sie machen insbesondere die enge Verknüpfung dieser Welle der Gewalt mit den in dieser Zeit ebenfalls eskalierenden deutschen Mordaktionen gegen die jüdische Bevölkerung deutlich.

 

Der Band ist aus der Zusammenarbeit des Simon-Dubnow-Instituts mit dem Institute for Historical Justice and Reconciliation, Salzburg, zu Themen der polnisch-jüdischen Beziehungen entstanden. Der Veröffentlichung des Bandes ging eine gemeinsam veranstaltete Tagung in Leipzig voraus, bei der es darum ging, die konträren Auffassungen über die Jahre 1939–1941 miteinander zu konfrontieren und zu klären, wie weit die Übereinstimmungen zwischen den Fachhistorikern in den kontroversen Fragen mittlerweile reichen und wo Differenzen fortbestehen. Im Verlauf der Konferenz und während der Arbeit an dem Band bestätigte sich die Annahme, dass die sachlichen Differenzen zwischen den Historikern geringer sind als diejenigen in der öffentlichen Debatte. Es steht zu hoffen, dass dieser geschichtswissenschaftliche Erkenntnisfortschritt auch eine Resonanz in der Öffentlichkeit findet. Auch dazu soll der Band einen Beitrag leisten.

 

Mit Beiträgen von Elazar Barkan, Elizabeth Cole und Kai Struve (Einleitung), sowie Alexander Brakel, Marco Carynnyjk, Christoph Dieckmann, Grzegorz Hryciuk, Wilfried Jilge, Joanna B. Michlic, Christoph Mick, Dieter Pohl, Evgenii Rozenblat, Marek Wierzbicki, Rafa? Wnuk und Andrzej Zbikowski.

 

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