Eine biographische Skizze

Simon Dubnow, geboren 1860 als Sohn eines Holzhändlers und Enkel des Rabbiners im weißrussischen Mstislawl, 1941 von den Nationalsozialisten bei der gewaltsamen Auflösung des Rigaer Ghettos ermordet, ist nicht nur einer der ersten Forscher zur russisch-jüdischen Geschichte, sondern auch der namhafte Autor einer jüdischen Weltgeschichte. Neben seiner Tätigkeit als Historiker war er Publizist, Politiker und politischer Philosoph, zudem seit Heinrich Graetz der erste, der eine Gesamtgeschichte der Juden vorlegte, die bis in die eigene Gegenwart reichte. Seine umfangreichen Memoiren, zu Recht einmal als »Enzyklopädie des jüdischen Lebens« bezeichnet, machten ihn in einem weiteren Sinne zum »Historiker seiner Zeit«. In ihnen bündelt Dubnow Zeit- und Augenzeugenberichte aus den Zentren der intellektuellen Gesellschaft seiner Epoche, dokumentiert Schlüsselereignisse der jüdischen und allgemeinen Geschichte vom späten 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und offenbart nicht zuletzt die Brüche und Widersprüche im eigenen wissenschaftlichen Denken und politischen Handeln.

 

Im Hause seines Großvaters Benzion Dubnow auf traditionelle Weise erzogen, äußerte sich Simon Dubnow lange Zeit kritisch über die orthodoxe Cheder-Erziehung jüdischer Knaben, auf die er seine eigene »Rebellion gegen den Talmud« zurückführte. Zum Leidwesen seines Großvaters wandte sich der junge Dubnow der jüdischen Aufklärung, der Haskala zu und forderte öffentlich die Abschaffung des Cheder-Systems. Der Enge des weißrussischen Schtetls entflohen, lebte er in St. Petersburg, Odessa und Wilna, wo er in den gesellschaftlichen Kampf der rußländischen Juden von der Reformära unter Alexander II. bis in die ersten Jahre der sowjetischen Herrschaft hinein beteiligt war und mit den zentralen Persönlichkeiten aus dem Kreise der russisch-jüdischen »Intelligencija« (Ginsburg, Frug, Kagan, Kulischer, Lifschitz, Kantor u.a.) verkehrte und debattierte. Er gehörte zu den kritischen Kommentatoren und Dokumentatoren der Pogrome im späten Zarenreich und der großen Revolutionen der Jahre 1905 und 1917. Seine politische Position äußerte Dubnow seit den 1880er Jahren in publizistischen Beiträgen, die unter anderem in den Zeitschriften Voschod und Russkij evrej erschienen. Eines von vielen Beispielen ist die Schrift »Welche Selbstemanzipation tut den Juden not?« aus dem Jahre 1883.

 

Nach dem Zusammenbruch des zaristischen Imperiums verfolgte Dubnow aus der Petrograder Perspektive den Alltag des Bürgerkriegs, dem er sich schließlich durch die Emigration nach Berlin entzog. Hier beobachtete er bis in die frühen 1930er Jahre die ebenso reale wie symbolische Begegnung zwischen Ost- und Westjudentum. Auch über den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland finden sich im dritten Band seiner Erinnerungen zahlreiche detaillierte Beschreibungen und Reflexionen. Dubnows aktive Anteilnahme am öffentlichen Leben, die sich über einen langen Zeitraum und viele Orte erstreckte, führte ihn schließlich zu der Überzeugung, eine Zeitenwende zu durchleben, in der das 20. Jahrhundert auf allen Gebieten das ideelle Erbe des 19. Jahrhunderts zerstörte: »Zuende gegangen ist eine ganze Epoche, unsere Epoche an der Wende zweier Jahrhunderte.« Zwischen seinem 62. und seinem 73. Lebensjahr lebte Dubnow in Berlin, sein 70. Geburtstag am 24. September 1930 wurde in der Stadt als ein gesellschaftliches Ereignis der gelehrten Welt begangen. Im deutschen Exil setzte Dubnow seine wissenschaftliche Arbeit fort; er vollendete unter anderem seine zweibändige Geschichte des Chassidismus. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 sah er sich genötigt, Deutschland erneut zu verlassen – eine zweite Emigration. Obwohl ihm die Einwanderung in die Vereinigten Staaten angeboten worden war, ging er nicht nach Amerika, sondern suchte die Nähe seiner Familie in Riga – eine Entscheidung, die sich mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht als verhängnisvoll erweisen sollte.

 

Simon Dubnow steht für ein nationales und säkulares Selbstverständnis des jüdischen Volkes. Er setzte sich für die Autonomie der osteuropäischen Juden in transnationalen Zusammenhängen ein und verkörpert somit eine spezifisch jüdische Antwort auf die politischen Verwerfungen der Moderne. Während er dem Zionismus ambivalent gegenüberstand, lehnte er die Assimilation gänzlich ab. Als Historiker war Dubnow einer der Pioniere der Geschichtsschreibung des osteuropäischen Judentums. Darüber hinaus entwickelte er ein geschichtstheoretisches Modell, auf dessen Grundlage er die jüdische mit der allgemeinen Geschichte in Relation setzte. Der Universalhistoriker Dubnow strukturierte die einzelnen Epochen nach dem Prinzip der Bipolarität, indem er behauptete, die von außen erzwungene Isolation der Juden gehe stets mit der Rückbesinnung auf die Traditionen und Werte des jüdischen Gemeinwesens einher, während letzteres in Phasen der allgemeinen politischen Liberalität zur Auflösung neige und eine freie Entfaltung jüdischer Lebensformen im Austausch mit der jeweiligen Umwelt ermögliche. Simon Dubnow war in seinem Denken von der liberalen politischen Kultur Westeuropas beeinflußt. Die geistige Nähe zum Westen, vereint mit seiner persönlichen rußländischen Erfahrungsgeschichte, machte ihn zum idealen kulturellen Mittler zwischen westlichen und östlichen Judenheiten. So übersetzte er 1881 im Alter von 21 Jahren die »Volkstümliche Geschichte der Juden« von Heinrich Graetz ins Russische. Seine »Weltgeschichte des jüdischen Volkes von den Uranfängen bis zur Gegenwart« wiederum erschien in zehn Bänden in den 1920er Jahren zuerst auf Deutsch. Hier berücksichtigte er, sich von der herkömmlichen geistesgeschichtlichen Methode distanzierend, auch soziale und wirtschaftliche Fragen sowie Aspekte der Gemeindeverfassung und Alltagshistorie. Seine theoretische Auffassung von jüdischer Geschichte legte er in grundsätzlichen Überlegungen zu Judentum, jüdischer Geschichte und ihrer Geschichtsschreibung nieder. Ein Beispiel ist die Abhandlung »Was ist jüdische Geschichte?« aus dem Jahre 1893 – ein Text, der 1897 ins Deutsche übersetzt wurde und hier den Titel »Die jüdische Geschichte. Ein geschichtsphilosophischer Versuch« erhielt. Größerer Bekanntheit erfreuten sich seine Briefe über das alte und neue Judentum, die zwischen 1897 und 1903 im Voschod erschienen. Der Grundgedanke seiner Überlegungen war das leidenschaftliche Plädoyer für das jüdische »Selbstbewußtsein einer Nation«. Er meinte damit einen geistigen Nationalismus, der mit der Erfüllung der allgemeinen bürgerlichen Pflichten der Juden in ihren jeweiligen Diaspora-Staaten harmonieren sollte. Der Kern seiner Forderungen zielte dabei stets auf die rechtliche Emanzipation und Autonomie in Selbstverwaltung, Sprache und Erziehung.