Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2016/2017

Schwerpunktmodul 03-HIS-0410 »Europäische Geschichte der Juden« (zwei Seminare, insgesamt 4 Semesterwochenstunden)

Die beiden Veranstaltungen bilden das Modul »Europäische Geschichte der Juden« (03-HIS-0410) im Studiengang Master of Arts »Mittlere und Neuere Geschichte« am Historischen Seminar. Die Lehrveranstaltungen sind geöffnet für Studierende des Masterstudienganges »European Studies« und der bisherigen Magister- und Lehramtsstudiengänge des Historischen Seminars, des Instituts für Kulturwissenschaften und des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Leipzig. Die Lehrveranstaltungen sind offen für Studierende des Masterstudiengangs »Geschichte und Politik des 20. Jahrhunderts« der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

 

Hannah Arendt und die jüdische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert

Dozentinnen: Prof. Dr. Raphael Gross/Dr. Nicolas Berg

Seminar

Zeit: Donnerstag, 11.15–12.45 (2 SWS) Blockseminar

Ort: Simon-Dubnow-Institut, Goldschmidtstr. 28

Beginn der Lehrveranstaltung: Donnerstag, 20. Oktober 2016

 

Beschreibung: Das Hauptwerk von Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft von 1954 (engl. 1951) wurde von ihr selbst – und wird in den Sozialwissenschaften bis heute – als ein Beitrag zur Politischen Theorie gelesen. In der Rezeption fällt dabei eine wiederkehrende Kritik ins Auge, die moniert, dass Arendt in ihrem Buch zwar die historische Realität treffend beobachtet, das ungewöhnlich hohe Maß an geschichtlichen Details jedoch ihren Blick für die Theoriebildung eingeschränkt habe.
Das Seminar möchte diese durch die Autorin und ihre Leser vorgeprägte Rezeptionserwartung umdrehen und eine Lektüre des Werks vornehmen, in der gerade nicht die Theorie, sondern die Geschichte im Zentrum steht. Wir wollen das Buch als umfängliche historische Darstellung der europäischen Moderne lesen und dabei vor allem auf die Darstellung der jüdischen Geschichtserfahrung in Deutschland, Frankreich, England und Russland bzw. der Sowjetunion achten. Denn Arendts epochale Schrift enthält Kapitel und ganze Abhandlungen über die jüdische Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert, über die neuzeitlichen Hoffaktoren und den englischen Premierminister Benjamin Disraeli, über das Frankfurter Bankhaus Rothschild und die französische Dreyfusaffäre, über Antisemitismus, Staatenlosigkeit, Minderheitenrechte und Konzentrationslager.
Das Buch selbst liegt als Piper-Taschenbuch in 14 Auflagen vor und ist zur Anschaffung empfohlen. Von den Teilnehmer(inne)n wird zusätzlich ein hohes Lektürepensum von Forschungsliteratur, Quellen und Archivmaterialien erwartet.

 

Literatur: Wolfgang Heuer u. a. (Hgg.), Arendt-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung, Stuttgart/Weimar 2011; Dan Diner, Kaleidoskopisches Denken. Überschreibungen und autobiographische Codierungen in Hannah Arendts Hauptwerk, in: Jügen Danyel u. a. (Hgg.), Fünfzig Klassiker der Zeitgeschichte, Göttingen 2007, 37–41; Elisabeth Gallas, In der Lücke der Zeit. Über Hannah Arendts »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft«, in: Nicolas Berg u. a. (Hgg.), Konstellationen. Über Geschichte, Erfahrung und Erkenntnis. Festschrift für Dan Diner zum 65. Geburtstag, Göttingen/Oakville, Conn., 2011, 261–282; Annette Vowinckel, Geschichtsbegriff und historisches Denken bei Hannah Arendt, Köln/Weimar/Wien 2001.

 

Die Teilnehmerzahl ist auf 25 begrenzt. Voraussetzung der Teilnahme ist die Bereitschaft zur Übernahme eines Referats. 

 

Geöffnet für Seniorenstudium: nein

   

Ziel zweiter Wahl oder neue Heimat? Jüdisches Exil und jüdische Erfahrung in Lateinamerika

Dozenten: Dr. Philipp Graf/Lukas Böckmann

Seminar

Zeit: Montag, 13.15–14.45 (2 SWS) teils als Blockseminar

Ort: Simon-Dubnow-Institut, Goldschmidtstr. 28

Beginn der Lehrveranstaltung: Montag, 10. Oktober 2016

 

Beschreibung: Jüdisches Leben in Lateinamerika galt lange Zeit als weißer Fleck, als außerhalb der Geschichte der Juden stehend. Dabei nahm Lateinamerika in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit etwa 25 000 Immigranten die dritte Stelle weltweiter Emigrationsziele von Juden ein. Doch nicht nur demografisch ist die jüdische Erfahrung in Lateinamerika von Bedeutung. In ihr spiegeln sich zugleich jene Phänomene, die paradigmatisch sind für die jüdische Erfahrung im 20. Jahrhundert überhaupt, wenn auch unter spezifischen Vorzeichen: so die von Vertreibung und Exil, von Akkulturation (hier an eine vornehmlich katholisch-iberisch strukturierte Gesellschaft), aber auch von Modernität, hybriden Selbstverständnissen und Urbanität. Das Seminar möchte, ausgehend von aktuellen Forschungsperspektiven, diese Spannung fruchtbar machen und einen neuen Blick auf ein nach wie vor vernachlässigtes Themenfeld werfen. Der Fokus wird hierbei auf drei Generationen liegen: den zu Beginn des 20. Jahrhunderts vornehmlich aus dem östlichen Europa nach Lateinamerika eingewanderten Juden, den vor dem Nationalsozialismus in die Region geflohenen Juden aus dem deutschsprachigen Raum sowie jenen, die als Nachkommen über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus in Lateinamerika verblieben.

 

Literatur: Haim Avni, Argentina and the Jews. A History of Jewish Immigration, Tuscaloosa, Ala./London 1991; Liliana Ruth Feierstein, Im Land von »Vitzliputzli«. Aspekte der Geschichte deutschsprachiger Juden in Lateinamerika, in: Elke-Vera Kotowski, Das Kulturerbe deutschsprachiger Juden. Eine Spurensuche in den Ursprungs-, Transit- und Emigrationsländern, München 2015, 359–373; Daniela Gleizer, Unwelcome Exile. Mexico and the Jewish Refugees from Nazism, 1933–1945, Leiden/Boston, Mass., 2014; Wolfgang Kießling, Exil in Lateinamerika, Leipzig 1980; Judith Laikin Elkin, 150 Jahre Einsamkeit. Geschichte der Juden in Lateinamerika, Hamburg 1996.

 

Die Teilnehmerzahl ist auf 25 begrenzt. Voraussetzung der Teilnahme ist die Bereitschaft zur Übernahme eines Referats. 

 

Geöffnet für Seniorenstudium: nein

 

Einschreibung: Die Einschreibung erfolgt vom 28.09. (12 Uhr) bis zum 09.10.2016 (24 Uhr) online über https://almaweb.uni-leipzig.de/. Bei Fragen: sebastian.hauck@uni-leipzig.de.

 

Prüfungsleistungen: Hausarbeit

 

 

Bachelor of Arts Geschichte/Master of Arts Mittlere und Neuere Geschichte, Vertiefungsmodul 03-HIS-0312/03-HIS-0511

 

Grundprobleme der jüdischen und allgemeinen Geschichte der Neuzeit

Vom Erkenntniswert des historischen Individuums. Neue Perspektiven der Biografieforschung

Dozenten: Prof. Dr. Raphael Gross/Dagi Knellessen/Felix Pankonin

Kolloquium

Zeit: Mittwoch, 17.15–18.45 Uhr (vierzehntäglich)

Ort: Simon-Dubnow-Institut, Goldschmidtstr. 28

 

Beschreibung: Die Biografie ist ein ebenso klassisches wie facettenreiches Genre. Längst sind es nicht mehr nur die »großen Männer«, die würdig erscheinen, um an ihren Viten exemplarisch historische und gesellschaftliche Prozesse zu rekonstruieren. In der deutschen Geschichtswissenschaft wurde das Erkenntnispotenzial von Biografien in den 1960er Jahren zunehmend infrage gestellt. Mit dem Einzug der Strukturgeschichte galt die auf einzelne Akteure konzentrierte Methode vielen Historikern als unzulänglich. Seit den 1990er Jahren erlebt die Biografieforschung jedoch allen Unkenrufen zum Trotz einen Aufschwung. Mitunter wird sie gar zur »Königsdisziplin« stilisiert. Großer Beliebtheit erfreut sich die Methode derzeit auch in den Jüdischen Studien. Dabei sind die grundlegenden Probleme, die sich beim Verfassen einer Biografie ergeben, nach wie vor präsent, vor dem Hintergrund der weitgehend etablierten poststrukturalistischen Theoriebildung sogar ungleich größer. Muss etwa die narrative, auf Kohärenz angelegte Struktur der Biografie zwangsläufig die Kontingenz individueller Lebensläufe verneinen? Ist es möglich, zwischen dem Anspruch auf die Einheit des zu beschreibenden Individuums und neueren Erkenntnissen über dessen Fragmentierung zu vermitteln? Diesen und anderen elementaren Fragen wird das Forschungskolloquium im Wintersemester nachgehen. Die Vortragsreihe widmet sich zum einen der allgemeinen methodischen Reflexion über die Herausforderungen des Genres. Zum anderen sollen am Beispiel von aktuellen Forschungsprojekten, die sich jüdischen Intellektuellen und Politikern widmen, Kernprobleme veranschaulicht und diskutiert werden.

 

Weitere Informationen zu Terminen und Vortragenden

 

Geöffnet für Seniorenstudium: ja

 

Einschreibung: Anmeldung bei Prof. Dr. Raphael Gross per E-Mail unter hammer(at)dubnow.de.