Simon-Dubnow-Institut
für jüdische Geschichte und Kultur an der universität Leipzig

Forschungsprojekt »Juden, Souveränität und Völkerrecht«

Juden, Souveränität und Völkerrecht: Ideologie, Identität und Ambivalenz in der frühen israelischen Diplomatie

 

In dem Forschungsprojekt wird die Bedeutung der jüdischen Zugehörigkeit und der zionistischen Ideologie bei der Ausgestaltung der anfänglichen Haltung Israels zum Völkerrecht untersucht. Es beleuchtet, wie diese Faktoren die Positionen der führenden Diplomaten Israels zum Völkerrecht in den ersten Jahren des Bestehens des Staates beeinflussten. Unter Berücksichtigung der internationalen Rechtsgeschichte und der israelischen Diplomatiegeschichte zeichnet das Vorhaben – durch das Prisma der modernen jüdischen Geschichte – die Auswirkungen der jüdischen Souveränität auf die jüdische Auseinandersetzung mit dem Völkerrecht nach. Es bildet dabei die Verwandlungsprozesse von der jüdischen und sogar zionistischen Politik zur israelischen Diplomatie ab. Dieser Wandel manifestiert sich in den Biografien und der Rechtspraxis der Protagonisten der Studie, Shabtai Rosenne und Jacob Robinson.

 

Die Untersuchung zeigt, dass Israels frühe Einstellung zum Völkerrecht, insofern es die „jüdischen Fragen“ betraf, ambivalent war – und nicht nur zweckdienlich. Diese Ambivalenz wurzelte in der Beschaffenheit Israels als jüdischer Staat und in seiner ideologischen Begründung durch die israelischen Diplomaten. Das Forschungsvorhaben dokumentiert diese frühe israelische Ambivalenz anhand der Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermords von 1948, bezüglich des Entwurfs der Europäischen Menschenrechtskonvention von 1949 und des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951. Hinsichtlich dieser und anderer internationaler Gesetzesvorhaben der Nachkriegszeit, die häufig als »jüdische« Projekte wahrgenommen wurden, zeigten Israels führende Diplomaten Gleichgültigkeit, Pragmatismus, Abneigung und Feindseligkeit. Diese Haltung zeugt davon, dass die frühe diplomatische Praxis Israels auch insofern als Fortsetzung der vorstaatlichen jüdischen Politik zu verstehen ist als das Völkerrecht selbst Schauplatz innerjüdischer politischer Auseinandersetzungen war und blieb. Damit werden vorherrschende Annahmen über jüdische Gelehrte, Kosmopolitismus und Nationalismus vor und nach dem Holocaust und der Gründung Israels hinterfragt.