Alexander Joskowicz

Doktorand/University of Chicago (USA)

Stipendium im Rahmen des vom DAAD geförderten IQN-Programms

Forschungsaufenthalt: 1. Oktober 2004 bis 31. Dezember 2004

Forschungsprojekt:

Feinddiskurse in der jüdische Identitätspolitik in Deutschland und Frankreich 1870–1918

 

Mein Dissertationsprojekt erforscht Feinddiskurse liberaler und republikanischer jüdischer Intellektueller in Frankreich und Deutschland zwischen 1870 und 1918. Schwerpunkt meiner Forschungen ist dabei die jüdisch konfessionelle Presse und deren identitätspolitische Positionierung gegenüber Liberalismus und Staat einerseits und anderen konfessionellen und nicht-konfessionellen Großgruppen andererseits.

Im Anschluss an neuere Forschungen zu einem »jüdischen Projekt der Moderne« (Shulamit Volkov), sollen dabei neben dem oft bearbeiteten individuellen Prozess der Verbürgerlichung der deutschen und französischen Juden auch neue Formen der Vergemeinschaftung Berücksichtigung finden, die von den historischen Akteuren als »modern« definiert wurden. Ausgangspunkt des Dissertationsprojekts ist die These, dass der Zusammenhang von Vergemeinschaftungsangeboten, politischer Willensbildung, und politischer Artikulation sich gerade in Feinddiskursen widergespiegelt. Ziel ist es letztlich die unterschiedlichen Vergemeinschaftsangebote und Versuche der politischen Artikulation im nationalen Kontext zu verstehen und sie gleichzeitig in den Zusammenhang gemeinsamer soziale und politische Transformationsprozesse zu stellen.

So stellt sich etwa die Frage, inwiefern jüdischer Antikatholizismus in Deutschland und Frankreich unterschiedliche Funktionen für die Gemeinschaftsbildung hatte und welche Anschlüsse darüber an liberale und republikanische Feinddiskurse gefunden wurden. Welchen Einfluss hatte die unterschiedliche Konstituierung eines politischen Katholizismus in den beiden Ländern auf jüdische Vergemeinschaftungsangebote, die in Abgrenzung vom Katholizismus entwickelt wurden? Inwiefern veränderte sich der Antikatholizismus jüdischer Intellektueller durch die unterschiedliche Frontstellung von Antisemitismus, Katholizismus und Liberalismus in den beiden Ländern? Welche Konsequenz hatten diese Transformationen für das Selbstverständnis von jüdischen Intellektuellen, Juden als religiösen Gemeinschaft zu sehen?

Ähnliche Frage lassen sich auch aus komperativer und transferhistorischer Perspektive zum Diskurs über die Massen stellen. Auch hier kann nach der Beziehung zwischen dem Umgang deutscher Liberaler und französischer Republikaner mit dem Begriff der Masse und der Vorstellung von Massen in konfessionellen jüdischen Publikationen gefragt werden. Wie beinflussen die unterschiedlichen Versuche ethnischer und religiöser Massenpolitik das Verständnis von Politik von jüdischen Intellektuellen und Gemeindehonoratioren? Gibt es eine underschiedliche Reaktion auf den politisierten Antisemitismus als Resultat unterschiedlicher Abgrenzungsdiskurse gegenüber »der Masse«?

Durch die Konzentration auf jene jüdischen Intellektuellen, die behaupten jüdische Interessen zu artikulieren, diese aber gleichzeitig durch ihre Vergemeinschaftsungsangebote konstituieren und formen, soll eine Sprache gefunden werden, die es uns erlaubt, Juden nicht einfach als stabile Grossgruppe zu beschreiben. So stellt mein Forschungsprojekt auch einen Versuch dar, die festgefahrene Debatte um jüdische Akkulturations- und Verbürgerlichungsbemühungen konzeptionell durch ein Vokabular zu öffnen, dass mehr auf die Fragilität von Gemeinschaften und die strategische Positionierung von Akteuren, die diese Gemeinschaften schaffen wollen, abzielt. Es soll der prozedurale Charakter jüdischer Vergemeinschaftung in den Vordergrund gestellt werden, ohne damit die faktische Fluidität der Identitäten von Juden im späten neunzehnten Jahrhundert zu behaupten. Über ein solches prozedurales Verständnis soll die Rolle von öffentlichen Intellektuellen für jüdische Identitätsbildung neu definiert werden. Schliesslich ist es Ziel des Projekts, durch diese konzeptionelle Intervention auch eine Brücke zwischen der Historiographie zur jüdischen Akkulturation und den Debatten zu Identitätspolitik und Identitätsbildung in der Gender- und Rassismusforschung zu schlagen.