Forschungsprofil

Erstes Anliegen des Instituts ist es, die jüdische Geschichte inhaltlich und methodisch in die allgemeine Geschichte zu integrieren. Jüdische Geschichte – verstanden als eine plurale Geschichte von Juden in komplexen interkulturellen historischen Räumen – wird grundsätzlich in ihrem transnationalen gesamteuropäischen Kontext untersucht. Hiermit soll einer isolierenden Betrachtungsweise, sei es aus jüdischer oder nichtjüdischer Perspektive, entgegengewirkt werden.


Im Zentrum des Forschungsinteresses steht die der jüdischen Geschichte inhärente europäische Perspektive. Offensichtliche kulturelle Charakteristika der jüdischen Bevölkerung wie Urbanität, Mobilität sowie transterritoriale und transnationale Vernetzung sollen vor dem Hintergrund sich wandelnder herrschaftlicher, kultureller wie sozialer Kontexte untersucht werden. Zur Geltung gelangen verschiedene methodische Zugriffe, unter anderem vergleichende Studien zum Säkularisierungsprozess unter den Juden West- und Osteuropas. Näher untersucht wird das jeweilige Selbstverständnis der einzelnen Judenheiten anhand von Kategorien wie Religion und Konfession, Nationalität und Staatsbürgertum, Individuum und Kollektiv.


Vor dem Hintergrund des übergreifenden Forschungsprofils des Instituts soll ein innovativer Zugang zur Geschichte einer »jüdischen Diplomatie« jenseits der Machtgeschichte von Imperien und Nationalstaaten, die sich auf die Strategien und internationalen Foren einzelner Fürsprecher und Organisationen konzentriert, gesucht werden. Aus einer migrationsgeschichtlichen Perspektive heraus und vor dem Hintergrund der hohen Mobilität der Juden zwischen Ost und West stellt sich, vornehmlich für das 19. Jahrhundert, die Frage nach dem jüdischen Selbstverständnis im Kontext sich zunehmend national verfassender Staatsangehörigkeiten. Darüber hinaus ist in Verknüpfung mit wissenschaftsgeschichtlichen Fragestellungen die Wechselbeziehung zwischen Migration und Innovation zu erhellen. Aus kulturanthropologischer Perspektive interessieren insbesondere Religion und Textualität als Medien transterritorialer jüdischer Verbundenheit. Zentrale Embleme der Zugehörigkeit wie etwa die hebräische Sprache und andere jüdische Sprachen sollen in ihrer Bedeutung für den von verschiedenen Judenheiten durchlaufenen Transformationsprozess in die Moderne hinein untersucht werden.

 

Einen wesentlichen Beitrag zur Umsetzung und Weiterentwicklung des Forschungsprofils leisten die drei Forschungsressorts. Diese gewährleisten einen kontinuierlichen, intensiven inhaltlichen Austausch zwischen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Zugleich dienen sie der Schärfung der methodischen Orientierung und sie begleiten die Ausarbeitung der individuellen Projekte.

Forschungsressorts