Simon-Dubnow-Institut
für jüdische Geschichte und Kultur an der universität Leipzig

Forschergruppe »Eine neue Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung«

Ziel der Forschergruppe ist es, einen neuen Zugang zur Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und zu den mit ihr verbundenen Intellektuellen- und Bildungskulturen zu eröffnen. Dies geschieht in eng aufeinander abgestimmten Einzelstudien. Die kooperative Arbeitsform gibt jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Gelegenheit, den Projektgegenstand möglichst selbstständig und zugleich in ständigem Dialog miteinander zu erforschen.

 

Das Vorhaben ist als wissenschaftliches Netzwerk strukturiert, in dem herausragende Persönlichkeiten der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, prominente ebenso wie bislang kaum wahrgenommene, im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stehen. Die biographisch vermittelten Annäherungen zielen dabei nicht auf traditionelle Gelehrten-, Funktionärs- und Werkbiographien oder auf organisationsgeschichtliche Abhandlungen. Im Zentrum der Studien stehen vielmehr die geistigen und lebensweltlichen Erfahrungen der Akteure. Mittels ihrer Lebenswege, die gleichsam als historische Quelle und historisches Medium dienen, soll die historische Geltungskraft arbeiter- und gewerkschaftsbewegter Begriffe, Kategorien und Vorstellungswelten herausgearbeitet werden.

 

Der Untersuchungszeitraum, der von der Nachwuchsforschergruppe mit je unterschiedlicher Akzentsetzung in den Blick genommen wird, reicht vom 19. Jahrhundert bis in die 1980er-Jahre. Er umfasst damit die Zeitspanne von der Entstehung und Etablierung der organisierten Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung bis zur Endphase des Kalten Kriegs. Der zentrale Bezugspunkt des Gesamtvorhabens ist jedoch das Ereignis, das geradezu erratisch zwischen diesen beiden von der sozialen Semantik geprägten Epochen steht: der Zweite Weltkrieg mit dem Holocaust als seinem Kerngeschehen.

 

Der durchgängige Bezug auf den Holocaust ergibt sich aus seiner epistemischen Bedeutung für die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Denn die Vernichtung der europäischen Juden hat weder die davorliegende noch die darauffolgende Zeit unbeschadet gelassen. Durch den Zivilisationsbruch wurden die zentralen Kategorien der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, die ausnahmslos dem Zeitalter der ersten industriellen Revolution entstammen, beschädigt. Im 19. Jahrhundert generierte Begriffe wie „Arbeit“, „Fortschritt“ und „Klasse“ erfuhren eine Entwertung. Damit erscheint auch die Entstehung der arbeiter- und gewerkschaftsbewegten Kategorien und Vorstellungswelten in einem anderen Licht; ihre Beschädigung wirkt gleichsam auf die Zeit ihrer Herausbildung zurück. Durch die Reflexion dieser Entwertung wird der Blick für die Geltungskraft und -dauer, aber auch für zu aktualisierende Traditionen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung geschärft.

 

Das Forschungsprojekt wird gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung und vom Freistaat Sachsen.

 

Mitglieder der Forschergruppe

 

Projektleiterin: Prof. Dr. Yfaat Weiss

Forschungsgruppenleiter: PD Dr. Jan Gerber

 

Dr. Philipp Graf

Dr. Magnus Klaue

 

Doktoranden:

Felix Pankonin

John S. Will

 

Wissenschaftliche Hilfskraft:

Juliane Weiß 

Forschungsprojekte

 

Grenzen der Wahrnehmung. Die Linke und der Holocaust

(PD Dr. Jan Gerber)

 

Vom Verteidiger Georgi Dimitroffs zum Anwalt des jüdischen Volkes. Der politische Werdegang des jüdischen Juristen Leo Zuckermann (1908–1985)

(Dr. Philipp Graf)

 

Ein letzter Bürger. Eine intellektuelle Biografie Max Horkheimers

(Dr. Magnus Klaue)

 

Ein Labour-Man in Berlin – Richard Löwenthal und die SPD

(Felix Pankonin)

 

Gewerkschafter, Journalist, Trotzkist. Leben und Lebensdeutung von Jakob Moneta (1914–2012)

(John S. Will)