Migration und Innovation. Wissenschaftskulturen zwischen Kosmopolitismus und Nationalität

Der migrationsgeschichtliche Zugang eröffnet zum einen eine umfassende Sicht auf die europäische Historie des 19. und 20. Jahrhunderts, zum andern bilden Migrationen eine zentrale Achse der jüdischen lebensweltlichen Erfahrung. Jüdische Migranten waren Teil eines allgemeinen Migrationsprozesses zwischen Ost und West, dessen Konsequenzen weit über die jüdische Erfahrung hinausgehen. Im Kontext der europäischen Transformation von übernationalen Imperien in Nationalstaaten nahmen sie eine Sonderposition ein. Für die historische Migrationsforschung sind nicht allein die Umstände und Regulierungen von Wanderungsbewegungen, das heißt die Bewegungen von Menschen über Grenzen, sondern auch die Bewegung von Grenzen über Menschen hinweg relevant.


Die kulturellen Veränderungen und Entwicklungen im Zuge von Migrationen anhand der jüdischen Bevölkerung zu untersuchen, erscheint besonders sinnvoll, da Juden über Jahrhunderte hinweg wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe einer territorialen Unsicherheit preisgegeben waren, welche sie in eine Lebensform der fortwährenden Bewegung umsetzten, die hier als „Migrationsmentalität“ bezeichnet werden soll. Dem zugrunde liegt der Gedanke, daß sich neue Lebenswege und Existenzmöglichkeiten nicht ohne die Entfernung und Entfremdung von den Werten und Normen des jeweiligen Herkunftsortes eröffnen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten der Orientierung sich fern der vertrauten Umgebung bieten. Konstruktionen „ideeller Heimaten“ werden ebenso beleuchtet wie die Suche nach einer neuen Heimat im territorialen Sinne.


Die Klassifizierung der einzelnen Migrationen orientiert sich an geographischen, klimatischen und demographischen Faktoren, aber auch an politischen, wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Impulsen. Neben einer Typologisierung der verschiedenen Auswanderungsmotive werden Prozesse der Assimilation oder der Marginalisierung von Immigranten im jeweiligen Zuwanderungsort untersucht. Während in mikrosoziologisch orientierten Arbeiten das Individuum im Zentrum des Interesses steht, erfassen makrosoziologische Betrachtungen Migrationsbewegungen größerer Gruppen. Beide tragen zur Interpretation globaler Zusammenhänge bei und ermöglichen die Einbettung der jüdischen Geschichte in die allgemeine Geschichte.


Die Betrachtung moderner Migrationsprozesse leitet über zu der Frage nach der Bedeutung der Juden als transterritoriale Gruppe für die neuzeitliche Wissenschaftsgeschichte. Eine erkenntnisleitende Hypothese geht davon aus, dass eine Neuverortung durch Migration unter Umständen innovationsstimulierend wirkt. Die Bewegung zwischen Orten wird hier als intellektuelle Herausforderung verstanden, die zu einem Innovationsschub und zur Erschließung neuer Wissenschaftsräume führen kann. In diesem Kontext nehmen Juden eine paradigmatische Position ein, da sich in ihrer Geschichte die in der Neuzeit entstehende Kluft zwischen der „alteuropäischen“ transnationalen Gelehrtenrepublik und den nationalen, am einzelstaatlichen geistigen Raum orientierten Wissenschaftskulturen widerspiegelt.


Als ein Aspekt dieser wissenschaftsgeschichtlichen Fragestellung wird im Institut die Rolle jüdischer Gelehrter beim transterritorialen Wissenstransfer von Osten nach Westen erforscht. Dies geschieht aus einer Perspektive, die mögliche Zusammenhänge zwischen religiösen Traditionen und Erfolgen in säkularer Wissenschaft fokussiert und sich damit von dem lange vorherrschenden Konsens über die Universalität und Internationalität moderner Wissenschaft und ihrer vermeintlichen Unabhängigkeit von ethnischen Voraussetzungen löst. Die Muster und Verlaufsstrukturen einer spezifisch jüdischen Wissenschaftsmigration erscheinen als wichtige Parameter jenes Transfers von Bildung und Innovation, der für die Etablierung der westlichen Kultur als Zentrum der globalen Wissenschaft von großer Bedeutung war.