Juden zwischen Imperien und Nationalstaaten
Mittel-, Ostmittel- und Osteuropa waren vom Mittelalter bis in die Moderne überwiegend von imperialen Herrschaftsformen geprägt, neben der polnisch-litauischen Staatenunion in erster Linie vom Russländischen, Habsburgischen und Osmanischen Reich. Diese waren in ihrer politischen und kulturellen Struktur großräumig-transnational und bildeten so die ideale ordnungspolitische Entsprechung zu den Juden Europas als transterritoriale Bevölkerung. Die Verdrängung imperialer Herrschaftsformen durch sich weithin durchsetzende nationalstaatlich-exklusive Prinzipien im 19. und verstärkt im frühen 20. Jahrhundert bedeutete daher für die betroffenen Judenheiten eine fundamentale Umwälzung ihrer Daseinsbedingungen. Zu untersuchen ist in diesem Kontext insbesondere die Rekonfiguration politischer Rahmenbedingungen jüdischer Lebenswelten Mittel- und Osteuropas in der Zwischenkriegszeit.
Exemplarische Bedeutung gebührt der Erforschung „jüdischer Diplomatie“ als Versuch, eine nationalstaatliche Neuordnung Europas mit der Etablierung eines auch dem Minderheitenschutz geltenden effektiven Völkerrechts zu kombinieren. Dieser überaus zentrale Forschungsbereich widmet sich neben einer jüdischen Diplomatiegeschichte, die vor dem Hintergrund sich von Imperien zu Nationalstaaten wandelnder internationaler Kontexte entwickelt wird, auch und gerade dem Beitrag jüdischer Persönlichkeiten, die sich als Juristen und Politiker der Interessenvertretung einer Bevölkerung annahmen, welche sich als „historische“ Minderheit ohne jegliche territoriale Affinität den Verwerfungen nationaler und territorialer Bestrebungen anderer ausgesetzt sah. Neben der Politik einer jüdischen Interessenvertretung jenseits der Nationalstaaten trugen ebenjene Personen und Persönlichkeiten zur Entwicklung internationaler Rechtsformen, vor allem des Völkerrechts, bei. Ihrer Wirkungsgeschichte von den Minderheitenverträgen nach dem 1919 geschlossenen Pariser Frieden bis zu den Restitutionsfragen nach 1945 soll im Rahmen eines aufgefächerten Forschungsprogramms nachgegangen werden.






Übersicht: Profil
Druckversion