Historiographie: Jüdische und Allgemeine Geschichte
Ein zentrales Anliegen ist es, zur Auflösung der eingeschliffenen Trennung von sogenannter „allgemeiner” Geschichte einerseits und „jüdischer” Geschichte andererseits beizutragen. Offensichtlich scheitern die vielfach unternommenen Versuche einer Integration beider Wissenstraditionen - der „allgemeinen” und der „jüdischen” - gerade daran, dass beim Versuch, ihre vorgebliche Differenz aufzuheben, ebenjene zwischen ihnen bestehenden Unterschiede und die darin angelegten Dichotomien anerkannt und wiederholt werden.
Eine sinnvolle Auflösung solch vorgeblicher Disziplingrenzen dürfte paradoxerweise gerade von dort ausgehen, wo sie kaum vermutet wird: von der jüdischen Geschichte - oder genauer: von der Geschichte der verschiedenen Judenheiten. Im Fundus der jüdischen Geschichte ist die wohl denkbar weiteste und somit allgemeine historische Perspektive genuin angelegt. Allein der vornehmlich transnationale, transterritoriale, urbane, mobile und textuelle Charakter der jüdischen Lebenswelten, der ihnen eigene und ungewöhnlich hohe Grad an Ubiquität in Zeit und Raum, zieht eine umfassende Sichtweise auf Geschichte nach sich. So ist der Historiker jüdischer Geschichte gehalten, den Umwelten der Juden ebensoviel Aufmerksamkeit zu schenken wie diesen selbst. Andernfalls würde die Geschichte der Juden kontextlos betrieben und verlöre sich im Nischendasein einer Spezialgeschichte mit geringem Erkenntniswert. Die Umkehrung einer solchen verengenden Sichtweise eröffnet hingegen weite Horizonte. Denn wegen der räumlichen und zeitlichen Ubiquität seines Gegenstandes muss der Historiker jüdischer Geschichte das angeblich Allgemeine aus der Perspektive des wiederum nur vorgeblich Besonderen ergründen. So kommt der jüdischen Geschichte als Geschichte von Juden für die „allgemeine” Historie erkenntnisleitende Bedeutung zu.
Diesem Auftrag nachzugehen, heißt, sich initiativ an einer gegenwärtig erkennbaren Neuorientierung in den Geschichtswissenschaften zu beteiligen. Diese äußert sich zum einen in der Tendenz zu einer integrierten europäischen Geschichte, welche sich von den eher additiven Versuchen, die verschiedenen Nationalgeschichten europäisch zu vereinheitlichen oder bestenfalls Schnittmengen historischer Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, qualitativ unterscheidet. Hieraus resultierend zeichnet sich in der Historiographie der letzten Jahre ein Paradigmenwechsel ab – der Wechsel von eher sozialgeschichtlich orientierten Zugriffen zu stärker kulturwissenschaftlich gehaltenen Ansätzen. Beide Tendenzen stehen im Zusammenhang mit den im Jahr 1989 ausgelösten politischen Umwälzungen. Die eher aus westlichen Wahrnehmungsperspektiven hervorgehenden Konzeptualisierungen werden durch östliche Erfahrungswelten und diesen angemessenere Interpretationsmuster substantiell erweitert. Eine solche Verschiebung kommt dem Spektrum jüdischer Historie durchaus entgegen. Genau besehen handelt es sich bei dieser Bewegung auf der Achse europäischer Geschichten um ein fundamentales Motiv jüdischer Geschichtserfahrung und jüdischer Geschichtsschreibung. Sowohl die historischen Gegenstände im Einzelnen als auch die Fragen historischer Interpretation der Geschichte der Juden im Ganzen kreisen ständig um die historische Deutungsachse, welche die östlichen mit den westlichen Lebenswelten verbindet. Dies gilt nicht nur für migrationsgeschichtliche Phänomene, sondern auch für die mit der übertragung von östlichen in westliche Topoi verbundenen Fragen der jüdischen Geschichtsschreibung.
Diese Topoi haben wesentlich die Verwandlung von kulturanthropologisch und ethnographisch aufzuschlüsselnden Emblemen der Zugehörigkeit innerhalb der jeweiligen Judenheiten im Prozess der Säkularisierung zum Thema – Phänomene sogenannter „sekundärer Konversion”. Das für die jüdische Geschichte traditionell signifikante Topos der Bewegung auf der Ost-West-Achse europäischer Geschichte findet sich in seiner paradigmatischen Bedeutung für eine europäistische Dimension in der sogenannten „allgemeinen” Geschichtschreibung bestätigt. Dies mag mit dem Umstand einhergehen, dass es sich bei den Juden seit der Aufklärung um eine vornehmlich „imperiale” Bevölkerung handelte, imperial insofern, als die wesentlich transterritorial und transnational formierten Lebenswelten der verschiedenen Judenheiten den multinational komponierten und dynastisch legitimierten Vielvölkerreichen der Habsburger, der Romanows - und was deren europäische Territorien angeht - auch der Osmanen bei weitem mehr entsprachen, als jenen nach ethnischer Homogenität strebenden Nationalstaaten, die aus dem Verfallsprozess der multinational verfassten Imperien hervorgingen.
Aus dieser Perspektive bilden die Judenheiten der östlichen Imperien, ungeachtet ihrer sonstigen Modernität, kollektiv ein gewissermaßen vormodernes Element in der sich abzeichnenden Moderne, da ihnen die Male vermeintlich längst abgelegter Vergangenheiten eingeschrieben sind. Jene in die Moderne hineingetragenen korporativen Überreste einer vormodernen natio erheben die Geschichte dieser Judenheiten in den Rang eines Seismographen für die Verwerfungen der europäischen Geschichte von der Aufklärung bis in das 20. Jahrhundert hinein. Aus dieser über Elemente der Vormoderne vermittelten Perspektive heraus könnte eine gemeinsame europäische Wahrnehmung leichter gewährleistet werden als durch einen Zugang, der einer von Nationalstaatlichkeiten zerklüfteten Moderne und ihren Begriffswelten verhaftet ist.






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